Komm mit auf eine Reise

Wer ist dein Nächster? – Öl, Wein und ein offenes Ohr

Viktor Hildebrandt · 31. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Oh, hallo. Das ist aber schön, dass du wieder vorbeischaust. Was bewegt dich heute?

Ich habe heute eine Frage mitgebracht, die mich in den letzten Wochen nicht losgelassen hat.

Bei unseren letzten Begegnungen haben wir viel nach innen geschaut: auf Elia unter dem Ginsterstrauch und auf Petrus am Kohlenfeuer. Heute lade ich dich ein, den Blick nach draußen zu richten, auf den Menschen, den du vielleicht gerade heute auf deinem Wege triffst.

Ein Schriftgelehrter kommt zu Jesus. Er will Ihn auf die Probe stellen und fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Jesus überlässt ihm selbst die erste Antwort, und er antwortet richtig: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. Doch dann schiebt er eine Frage nach:

„Indem er aber sich selbst rechtfertigen wollte, sprach er zu Jesu: Und wer ist mein Nächster?“ Lukas 10, Vers 29.

Hinter dieser Frage formuliert er eine Absicherung. Er möchte wissen, wo seine Pflicht anfängt und wo sie aufhört. Wen er lieben muss und an wem er ruhigen Gewissens vorbeigehen darf.

Jesus antwortet ihm mit einer Geschichte. Ein Mann geht von Jerusalem hinab nach Jericho, fällt unter die Räuber und bleibt halb tot am Wegrand liegen. Ein Priester kommt vorbei, sieht ihn und geht weiter. Ein Levit ebenso. Beide hatten vermutlich ihre Gründe: Pflichten, Vorschriften, Angst. Dann kommt ein Dritter, ausgerechnet ein Samariter, einer von denen, mit denen ein Jude nichts zu tun haben wollte:

„Aber ein gewisser Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt.“ Lukas 10, Vers 33.

Er geht hin, verbindet die Wunden, hebt den Mann auf sein Tier, bringt ihn in eine Herberge und kümmert sich um ihn. Am nächsten Morgen gibt er dem Wirt Geld und sagt: Pflege ihn, und was du mehr ausgibst, bezahle ich dir, wenn ich wiederkomme.

Ich möchte dir erzählen, wo mir diese Geschichte vor einiger Zeit sehr nahekam. Ich bekam einen Anruf. Es wurde ein langes, ein sehr intensives Gespräch. Am anderen Ende war ein Mensch, der schwer zu tragen hatte. Ich wollte helfen, das war mir klar. Doch während ich zuhörte, meldete sich in mir eine leise Frage: Kann ich das überhaupt? Reicht meine Kraft? Reichen meine Fähigkeiten für das, was mir da anvertraut wird?

Ich hatte keine Lösung parat. Ich konnte nicht reparieren, was zerbrochen war. Mitten im Gespräch fand ich nicht einmal die Ruhe, ein Gebet zu formulieren. Also tat ich das Einzige, was ich in diesem Moment tun konnte: Ich hörte zu. Ich ließ die Person spüren, dass mich interessiert, was sie mir erzählt. Dass sie mir wichtig ist.

Erst später ist mir aufgefallen, wie sehr das dem Samariter gleicht. Er konnte den Mann nicht heilen. Er hatte nur Öl, Wein, ein Reittier und zwei Silberstücke. Aber er blieb stehen, er ging hin, und das, was über seine Möglichkeiten ging, vertraute er dem Wirt an.

Nach dem Gespräch habe ich lange überlegt, wie ich weiterhelfen kann und wo ich Gott wirken lassen muss. Ich merke: Ein solches Gespräch läuft bei mir nie ganz zu Ende. Im Hintergrund nehme ich es immer wieder mit hinein in mein Reden mit Gott. Die Herberge, in die ich den anderen bringen darf, ist Seine Gegenwart.

Am Ende des Gleichnisses dreht Jesus die Frage um:

„Wer von diesen dreien dünkt dich der Nächste gewesen zu sein von dem, der unter die Räuber gefallen war? Er aber sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Jesus aber sprach zu ihm: Gehe hin und tue du desgleichen.“ Lukas 10, Verse 36 und 37.

Der Schriftgelehrte hatte gefragt: Wer ist mein Nächster? Jesus fragt zurück: Wer ist zum Nächsten geworden? Hier geschieht ein Umdenken. Es geht nicht mehr darum, wen meine Pflicht einschließt, sondern darum, für wen ich mich heute entscheide.

Welchen Gedanken können wir daraus mitnehmen? Zunächst diesen: Zum Nächsten werde ich dort, wo ich stehen bleibe, auch wenn ich mich unsicher fühle.

Es bedeutet auch: Ich muss nicht alles lösen können. Oft genügt es, hinzugehen, zuzuhören und dem anderen zu zeigen, dass er gesehen wird.

Und schließlich: Was über meine Kraft geht, darf ich weitergeben. Der Samariter hatte seinen Wirt. Ich habe einen Herrn, dem ich den anderen anvertrauen kann.

Vielleicht klingelt dein Telefon in dieser Woche. Vielleicht sitzt jemand in deiner Nähe am Rand. Du musst nicht wissen, ob du genug kannst. Bleib stehen. Hör zu. Den Rest wird der Herr geben.

Ich freue mich auf unser Wiederlesen.

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